Klassik Schweiz - Suisse classique - Swiss classic

Das Swiss-Classic-Journal
Verbier Festival&Academy 2011
Das Dirigieren durch die Praxis gelernt
Ein Porträt von Daniel Harding
Der englische Dirigent Daniel Harding wurde nach zwei Konzerten im letzten Jahr diesen Sommer erneut
nach Verbier eingeladen. Er begleitete die Violinisten Joshua Bell und Renaud Capuçon und dirigierte im
zweiten Teil die sechste, die "Pastorale"-Sinfonie, von Beethoven.
Daniel Andres
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An einem öffentlichen Gespräch gab der noch junge Dirigent mit einer beeindruck-end steilen Karriere, Daniel Harding, in seiner natürlichen Art Einiges über sei-nen Werdegang preis. So wurde er Assis-tent von Simon Rattle in Birmingham, weil er als 16-Jähriger den Mut oder die Frech-heit hatte, mit Schulkollegen den „Pierrot lunaire“ von Arnold Schönberg, ein Schlüsselwerk der Moderne, einzustu-dieren und Rattle um Rat zu fragen. Rattle war so beeindruckt von der Arbeit des jungen Musikers, dass er den Jüng-ling in Anwesenheit des Komponisten gleich einen Satz aus einer Sinfonie von Hans-Werner Henze dirigieren liess. Eigentlich war er Trompeter. "Als dritter Trompeter zählen sie dreihundert Takte Pause um dann einige Töne von sich zu geben, das war nichts für mich". So be-schloss er, lieber Dirigent zu werden. "Ich habe nie Dirigierunterricht gehabt“, sagt Harding lachend, "ich habe alles durch die Praxis gelernt". Auch das Diri-gieren von Opern, das er in Aix-en-Pro-vence, einem wichtigen Festival, mit nam-haften Sängern gelernt habe. Er war auch Assistent bei Claudio Abbado in Berlin. „Da kam ich sozusagen nie zum Dirigie-ren, ich musste vor allem Orchesterstim-men einrichten, eine mühsame schriftli-che Arbeit." „Dafür war ich bei allen Pro-ben von Abbado dabei und habe dabei musikalisch und menschlich enorm viel gelernt.“ Abbado spreche sehr wenig bei den Pro-ben, er übertrage seine musikalische Vor-stellung durch die Gestik. „Ein Orchester muss einen Dirigenten auch lesen ler-nen“, meint Harding, „manchmal braucht das etwas Zeit und bei einigen Orches-tern funktioniert es auch gar nicht“.
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Er sagt, als Dirigent müsse man Musik mit dem Körper spüren. Gleichzeitig bemüht er sich um Klarheit, manche würden sagen er sei eher "kopflastig" als ein "Taktstock-magier" obschon er wiederum impulsiv und emotional auf den Zuschauer wirkt.
"Dirigieren kann man nicht lernen“, sagt er noch heute, obwohl er inzwischen in Wien Dirigieren unterrichtet. Aber seit Kurzem habe er einen Coach, der ihn auf falsche Körperhaltungen und -bewegungen auf-merksam mache. „Die besten Tennis- und Golfspieler der Welt haben einen Coach, wieso sollte ein Dirigent keinen haben“, ist seine unkonventionelle Ansicht.
Keine Magie im Spiel
Ist das Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester ein Mysterium? "Nein", sagt er entschieden", es ist kompliziert und schwer beschreibbar, aber es hat nichts mit Magie zu tun.“ Harding gehört zur Generation, die sich um Genauigkeit bemüht und von der his-torischen Aufführungspraxis viel gelernt hat. Die Beethoven-Sinfonie hat er be-zeichnenderweise mit der neuen kritischen Werkausgabe des Bärenreiter-Verlags aufgeführt. Dazu war die Besetzung mit
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dem Festival-Kammerorchester mit bloss acht ersten Violinen klein. Die "Szene am Bach" war strukturell durchsichtig, das Gewitter dafür mit harten Paukenschlägenund scharfen Akzenten. In einem kurzen Gespräch nach dem Konzert meinte er auf die Frage, wie er Rationalität und Emotionen zusammenbringe: „Wir Künstler auf der Bühne dürfen nicht zu viel Emotionen haben. Gefühle soll das Publikum haben, wir Musiker müssen dafür sorgen, dass die Musik möglichst genau aufgeführt wird. Das verlangt unsere volle Aufmerksamkeit.“ Dabei hatte er für die Sinfonie den Taktstock weggelegt und gab bloss noch Einsätze und unterstützte da einen Akzent oder das Her-vortreten einer Stimme im Orchester fast völlig ohne den Takt zu schlagen. Was sind seine Lieblingskomponisten? „Die Musik der deutschen Romantik, Spätromantik und der frühen Moderne, aber vor allem Schu-mann“, fügt er an, „der ist so genial und da gibt es noch so viel an unbekannten Seiten zu entdecken.“ Und wendet sich wieder den zahlreichen Gratulanten zu, die ihm nach dem Konzert die Aufwartung machen.
Daniel Harding Geboren 1975 inOxford. 1994 Aisstent von Simon Rattle in Birming-ham, 1996 Assistent von Claudio Abbado in Berlin. Chefdirigent Gustav Mahler-Kammer-orchester und Schwedisches Radio-Sinfo-nieorchester, erster Gastdirigent bei London Symphony Orchestra, künstlerischer Partner der New Japan Philharmonic. CDs bei Virgin Classics und Deutsche Grammophon.
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Nicht das persönliche Ego im Vordergrund
Das Verbier-Festival ist auch ein Piano-Festival. Seit Beginn haben acht Pianisten in der Kirche ein Rezital
gegeben, dazu sind die Stars Evgeny Kissin und Martha Argerich im Saal „Les Combins“ aufgetreten.
Es waren mit Ausnahmen intelligente Pianisten, die bei aller Spielfreude den unverstellten Blick auf das
Werk und die Komponisten suchen statt das persönliche Ego in den Vordergrund zu stellen.
Daniel Andres
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Weil dieses Jahr der zweihundertste Ge-burtstag von Franz Liszt gefeiert wird, stand in jedem Programm auch ein Werk oder eine Werkgruppe des einst selbst als Pianist gefeierten Komponisten. Und in den Rezitals erhielt man auch noch acht der 32 Sonaten von Ludwig van Beethoven zu Gehör. Es waren meist in-telligente Pianisten am Werk, nämlich solche, die den Dienst am Komponisten über die Darstellung ihres persönlichen Egos stellen. Lars Vogt machte den An-fang , der junge Schweizer Louis Schwiz-gebel-Wang erweckte in einem mutigen Liszt-Programm mit Klangsinn Aufmerk-samkeit und wirkte unprätentiös und ernsthaft . Der Engländer Llyr Williams hinterliess mit zwei Beethoven-Sonaten (op. 2 Nr.3 und „Les Adieux“ op. 81a) einen ausge-zeichneten Eindruck, dazu in einem der nicht mit brillanten Fiorituren glänzenden Stück, der „Bénédiction de Dieu dans la Solitude“, von Liszt..... Ein weiterer Eng-länder, Stephen Hough, eröffnete mit
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der „Mondschein“-Sonate von Beethoven und demonstrierte in der h-moll-Sonate von Liszt technische Überlegenheit und formale Übersicht. Auch Kissin und die viel gerühm-te Kathia Buniatishvili hatten diese Sonate im Programm, wobei Kissin Reife zeigte, die junge Georgerin dafür unkontrollierten Über-schwang.
Jan Lisiecki Eine Freude war der 16-jährige Kanadier Jan Lisiecki, der ausserhalb des Konzertsaals |
unkompliziert jugendlich ist, am Flügel je-doch erstaunlich reif und ernsthaft auf-tritt. Altmeister Stephen Kovacevich in Beethoven (Bagatellen und Sonate op. 110) nicht ganz auf der Höhe, dafür wundervoll in Schuberts letzter Sonate in B-Dur und zwei luziden Zugaben von Bach. Eher ent-täuschend die am gleichen Tag auftreten-den Denis Matsuev und Kathia Buniatish-vili. Der Eine mit Kraftausbrüchen, die An-dere mit Tempoexzessen sowohl bei Liszt wie beide in Strawinskys „Petruschka“.
Kissin begeisterte das Publikum in einem reinen Liszt-Programm, Martha Argerich im Klavierduo mit Nelson Goerner. Ein Höhe-punkt in Beherrschung und gestalteri-scher Kraft der Soloauftritt von Martin Helmchen unter Anderem in der „Hammer-klavier“-Sonate von Beethoven. Intelligent und spannend der Norweger Leif Ove Andsnes in der „Waldstein“-Sonate und der letzten, dem Opus 111, von Beethoven. Insgesamt also nicht bloss Leckerbissen, sondern auch viel Gesprächsstoff für die Liebhaber anspruchsvoller Klaviermusik. |
Begeisterung ist ansteckend
Das 18. Klassik-Festival von Verbier ist seit letztem Freitag in vollem Gange. Einige Konzerte sind
ausverkauft, andere scheinen – vielleicht wegen des starken Frankens, vielleicht wegen des garstigen
Wetters – weniger besucht als auch schon.
Daniel Andres
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Der Auftakt war glanzvoll. Charles Dutoit dirigierte trotz Grippe das zu einem Drittel erneuerte Festivalorchester aus jungen Musikern. Die Qualität des diesjährigen Jahrgangs ist hoch, das war in der Bal-lettmusik zu „Petruschka“ von Igor Stra-winsky zu hören. Hervorragende Solisten im Orchester bei den Trompeten, den Holzbläsern und den Hörnern. Eine un-gemein farbige Wiedergabe der ersten Fassung für grosses Orchester aus dem Jahr 1911. Vorher spielte Nelson Freire das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms mit auffallender Leichtigkeit und auch hier brillierte der erste Cellist mit einem aus-drucksvollen Solo im dritten Satz. Für das zweite Orchesterkonzert liess sich Charles Dutoit durch Neeme Järvi ersetzen und auch dieser fand her-vorragend vorberei-tete junge Musi-ker vor, die wie immer vor dem Festival durch Stimmführer des Orchesters der Metro-politan-Opera New York gecoacht worden waren. Auch an diesem Konzert standen grosse Brocken auf dem Programm, wel-che viele Orchestermitglieder zum ersten Mal spielen und dennoch findet das Or-chester zu einem schönen Klang und vor allem auch zu einem engagierten und hinreissenden Spiel, welches immer
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wieder auch die Gastdirigenten entzückt. Die georgische Pianistin Kathia Bunia- tishvili spielte das dritte Klavierkonzert von Rachmaninoff mit weniger Kraftauf-wand als manche ihrer Kollegen und fügte sich über weite Strecken auch in das sin-fonisch geprägte Orchestergeschehen ein. Sie holt aber etwas wenig Klangsubstanz aus dem Flügel und ihre Gestaltung wirkt keineswegs ausgereift. Wirkungsvoll am Schluss die sinfonische Dichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss und zu Beginn ein Werk der Komponistin Lera Auerbach, die seit mehreren Jahren bei-nahe zur Hauskomponistin des Festivals geworden ist, mit dem Orchesterwerk "Icarus" allerdings nicht sehr originell, ja in den Wirkungen sogar abgegriffen wirkte.Neben den Sinfoniekonzerten finden jeden Tag Rezitals statt und auch zum ersten Mal ein Auftritt des Béjart-Balletts mit zwei Hauptwerken von Igor Strawinsky, dem „Sacre du Printemps“ und dem „Feuervogel“. Das Kammerorchester aus älteren und herausragenden Mitgliedern des Sinfonieorchesters begleitete mit dem faszinierenden Gabor Takacs-Nagy am Pult den Geiger David Garett im Violinkon-zert von Beethoven und wirkte in der kon-zertanten Aufführung von „Dido und
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Aeneas“ von Henry Purcell mit.
Vielfalt ist das Kennzeichen des Verbier-Festivals, neben Sinfonik und Kammermusik kommt auch die Oper zum Zug, die Kurse der Academy interessieren jedes Jahr auch viele Zuhörer, und jeden Tag finden rund zwanzig Gratisanlässe und Animationen im ganzen Dorf von morgens bis spät abends statt. Festivaldirektor Martin Engström hat die Besucher am Eröffnungstag als Familie angesprochen und so fühlt sich auch der langjährige Besucher, der jedes Jahr wieder hier einen Freundeskreis aus der ganzen Welt antrifft. Das gilt auch für die Musiker, die oft seit Jahren hier immer wieder auftreten und nicht wie an andern Festivalorten am Morgen nach dem Konzert wieder abreisen. Das ist auch das Besondere in Verbier, dass man Starsolisten in vielfältiger Kombination mit anderen Stars und auch mit Nachwuchskünstlern in Kammermusikformationen antrifft. Martin Engström „zwingt“ seine berühmten Freunde, wie etwa die Martha Argerich, so auch, Werke zu spielen, die sie sonst nie gespielt hätten. Und oft entstehen Neuerungen spontan. So kam der japanische Meistercembalist letztes Jahr erstmals für zwei Konzerte und dieses Jahr gibt er bereits einen Kurs für „alte Musik“.
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Verbier Festival&Academy 2010
Junge Aufsteiger und Altmeister auf voller Höhe
Das Verbier-Festival neigt sich dem Ende zu. In der zweiten Hälfte gab es Absagen und Enttäuschungen
ber auch positive Überraschungen.
Daniel Andres
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Absagen gab es von Rolando Villazon und Hélène Grimaud, die zusammen hätten auftreten sollen. Auch Semyon Bychkov liess sich entschuldigen. Mit Daniel Har-ding fand sich am Platz aber ein mindes-tens ebenbürtiger Ersatz. Eine Enttäusch-ung waren die beiden Rezitals von Evgeny Kissin. Er schien nicht sonderlich gut ge-launt, schenkte dem Publikum kaum ein Lächeln und – für ihn ungewohnt – hatte kleine Patzer. Hat er persönliche Probleme, eine kleine oder grosse Krise? Dazu reich-ten seine Schumann- und Chopin-Interpre-tationen nicht über das Gewohnte hinaus. Den erste Satz der Fantasie C-Dur zerlegte er in Einzelteile, die Nocturnes waren klangschön aber irgendwie auch fantasie-los. Wenden wir uns lieber den positiven Überraschungen zu. Der letztjährige Preis-träger der Festival-Academy, David Ka-douch, bestätigte zumindest das positive Bild, das man von dem ernsthaften wie kraftvoll zupackenden Pianisten hatte. Er spielte Variationen von Haydn, die dritte Sonate von Schumann, Liszt und eine Auswahl der 24 Präludien von Dmitri Schostakowitsch. Unerwartet auch, wie Ilya Gringolts auf der Barockgeige zusammen mit dem japani-schen Meistercembalisten Masaaki Suzuki Bachs Sonaten für Violine und obligates Cembalo kompetent und musikalisch hoch-stehend anging.
Eine wahre Freude
Von den jüngeren Interpreten war das Quartett aus Joshua Bell und den jungen Streichern Henning Kraggerud, Lawrence Power, Bratsche, und Andreas Brantelid,
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Violoncello, eine wahre Freude. So her-vorragend die bereits preisgekrönten jun-gen Solisten waren, so mitreissend musi-zierten sie in doch eher selten gehörten Quartetten von Grieg und Mendelssohn (f-moll opus 80) und einem Terzett von Dvorak. Joshua Bell musizierte mit Yuja Wang vielleicht etwas leichtfüssig die „Kreut-zer“-Sonate von Beethoven und an-schliessend mit herrlichem Ton und seiner spontan überschwänglichen Musikalität aber durchaus nicht unüberlegt Beetho-vens Violinkonzert mit dem Festival Cham-ber Orchestra. Wobei dieses Ensemble wiederum ohne Dirigent (wie bei den Me-tamorphosen von Strauss) eine be-wun-dernswert aufmerksames Zusammenspiel und erfrischende Musizierlust an den Tag legte. Neben Joshua Bell war aus der mittleren Generation der Geiger Leonidas Kavakos ein Erlebnis im zweiten Violinkonzert von Bela Bartok. Anschliessend riss Charles Dutoit das Orchester im „Don Quichotte“ von Richard Strauss noch einmal zu klang-lich opulenten Höchstleistungen mit. Ein Genuss besonderer Art ist die Begeg-nung mit dem Quatuor Ebène aus Frank-reich. Die vier kongenialen jungen Musiker bescherten uns in zwei Konzerten je ein Quartett von Bartok und Beethoven. Be-sonders am Abend in Beethovens opus 131 waren sie fast noch grossartiger als sonst, obschon sie anschliessend anga-ben, etwas müde gewesen zu sein. Auch am folgenden Abend das Quintett von César Franck mit Nicolas Angelich am Klavier war eine Sternstunde. Angelich bewies in seinemersten Rezital in Verbier, dass er nicht "nur" ein grossartiger Kam- |
mermusiker ist. Seine "Kreisleriana" war wirklicher Schumann (das erste Stück vielleicht etwas zu rasant, wodurch die nachschlagenden Bässe nicht mehr nach-schlagend sondern auf dem Takt wirkten, was nicht ganz Schumanns Absicht ent-sprach).
Humor in der Musik
Immer ein Erlebnis sind die Altmeister, die in Verbier auftreten. Elisabeth Leonskaya vollendete im Konzertsaal statt im stim-mungslosen Kino und nun auf einem sehr guten Flügel ihren heftig applau-dierten Schubert-Zyklus. Natalia Gutmann spielte souverän und stilistisch wie musikalisch herausragend drei Cello-Suiten von Bach vor einem Publikum, in dem alle Streicher, sofern sie nicht grad selber beschäftigt waren, von Maisky, Bashmet, Kavakos, Sarah Chang bis Frans Helmerson und noch weitere sassen. Alfred Brendel spielte zwar kein Konzert, hielt aber einen hochinteressanten Vortrag mit Musikbeispielen über Humor in der Musik und unterrichtete vor vollem Kino-saal das „Wunderkind“ Kit Armstrong und das auch schon höchst erfolgreiche „Ebène“-Quartett. Übrigens erstaunlich wie auch gestandene Künstler sich in Verbier noch eine Lektion etwa beim Do-zenten für Kammermusik und Chef des Verbier Chamber Orchestra, Gabor Takacs-Nagy, holen. Den Abschluss bildete eine umjubelte konzertante Aufführung der "Salomé" von Richard Strauss mit Valéry Gergiev am Pult und einer herausragenden Deborah Voigt als Salomé.
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Blitz, Donner und eine grosse Dame des Klaviers
Das Verbier-Festival begann vor einigen Tagen mit Blitz und Donner, wobei der neue Konzertsaal, der
anstelle des bisherigen Zeltes eingeweiht wurde, seinen Härtetest bestehen musste.
Daniel Andres
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Diesen Test bestand der Saal am neuen Standort nur bedingt. Der Platzregen pras-selte aufs Dach und übertönte Orchester und die Solistin Yuja Wang im zweiten Klavierkonzert von Serge Prokofieff. Krachender Donner entlud sich unmittel-bar über dem Dorf, und als das Konzert unterbrochen war, fiel auch noch der Strom in ganz Verbier aus. Es dauerte eine gute halbe Stunde bis die Stromversorg-ung wieder lief und Publikum und Orches-ter ihre Plätze erneut einnehmen konnten. Dafür prasselten nun die Akkord-Kaska-den der jungen Yuja Wang auf die Klavia-tur, und im zweiten Anlauf bewies der in China gebürtige aber seit dem 16. Alters-jahr in den USA lebende Shooting-Star neben Virtuosität und grandioser Musi-kalität auch noch Muskelkraft. In der da-rauf folgenden ersten Sinfonie von Mahler ersetzte oder ergänzte fernes Donnergrol-len noch gelegentlich die Paukenwirbel, aber ohne das Konzert mit dem Festivalor-chester unter seinem Chefdirigenten Char-les Dutoit weiter zu stören. Dutoit zeigte gleich im ersten Konzert zu welcher klang-licher Differenziertheit das junge Orches-ter fähig ist. Das diesjährige Festivalorchester besteht aus 110 jungen Musikern zwischen 16 und 26 Jah-ren, die aus 22 Nationen stammen. Ausser von Charles Dutoit wird es in kom-menden Konzerten von Rafael Frühbeck
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de Burgos, Daniel Harding, Semyon Bych-kov (er wurde kurzfristig durch Daniel Har-ding ersetzt) und Valéry Gergiev dirigiert. Neben den fast alljährlich wiederkehren- Stars unter den Solisten sind dieses Jahr wiederum eine ganze Anzahl aufstrebender junger Künstler zu entdecken. Gleich am zweiten Tag beglückte der junge unprätentiöse Franzose Adam Laloum, Clara Haskil-Preisträger 2009, das Publikum am Vormittag mit einem künstlerisch reifen Rezital. Die norwegische Geigerin Vilde Frang riss abends mit ihrem Temperament und geigerischen Können die Zuhörer unter anderem in der Solosonate von Bela Bartok mit. Und der 18-jährige Kit Arm-strong bestätigte am Montagvormittag seine Technik, seine musikalische Intelli-genz und seine betörende Anschlags-sensibilität in einem grossartigen Klavier-Rezital, wobei auch kurze, originelle eigene Werke erklangen. Abends war dann die junge georgische Geigerin Lisa Batiashvili mit Orchester zu hören. An der Academy nehmen wiederum etliche sehr vielverspre-chende Talente aus fünf Kontinenten teil.
Schubert in neun Tagen
Die "Grande Dame du piano" Elisabeth Leons-kaya zieht an neun Abenden zu später Stunde im Kino von Verbier ein zahlreiches Publikum mit der Aufführung |
sämtlicher Klaviersonaten von Franz Schubert in ihren Bann.
Viel Neues ausprobiert
Elisabeth Leonskaya, die vor einigen Jah-ren auf ihren ausdrücklichen Wunsch mit dem Bieler Sinfonieorchester beide Kla-vierkonzerte von Brahms spielte, ist - so ein Kritiker - eine Anti-Diva. Die gebürtige Georgierin lebt seit vielen Jahren in Wien. Sie tritt sehr unauffällig auf, scheint auf Anhieb fast abwesend, doch auf Fragen antwortet sie hell-wach und zeigt eine grosse Kenntnis und viel Verständnis für die Komponisten, die sie spielt. So auch bei diesem Schubert-Zyklus, sie weiss viel über Schubert, seine Werke, die Entsteh-ung der einzelnen Sonaten, worunter viele Fragmente, die Schubert unvollendet hin-terlassen hat, weil er sich freiwillig oder gezwungen anderen Aufgaben zugewen-iger wertvoll deswegen. Etwa die fis-moll-Sonate" so Elisabeth Leonskaya, "die mitten im ersten Satz ab-bricht. Sie ist eigentlich ein wundervolles Nocturne. Schubert hat etwas ganz Neues ausprobiert, und gerade deswegen spiele ich nur das Fragment ohne die Ergänzun-gen, die andere Leute später gemacht ha-ben.
lständiges Interview mit Leonskaya
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Gespräch Daniel Andres mit Elisabeth Leonskaya
Integrale Aufführung der Klavier-Sonaten von Franz Schubert in Verbier 2010
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Frau Leonskaya, Sie spielen alle Schubert-So-naten an diesem Festival. Haben Sie sich dazu entschlossen oder wurden Sie angefragt? Man hat mich gefragt von der Festival-Leitung, und ich konnte selbstverständ-lich nicht nein sagen. Warum konnten Sie nicht nein sagen? Wissen Sie, ich wohne seit vielen Jahren in Wien, da haben sie alle gelebt, Haydn, Mo-zart, Beethoven, Schubert, Branms, Bruckner, man atmet die Luft die sie ge-atmet haben. Sie sind einfach noch über-all gegenwärtig. Es ist ja eine gewaltige Herausforderung. An-dere Pianisten würden so ein Projekt auf eine Saison verteilen, sie bewältigen es in zwei Wo-chen. Ja, es steckt viel Arbeit dahinter, aber viele Sonaten, vor allem die grossen habe ich oft gespielt, andere, vor allem klei-nere und die frühen Werke musste ich neu einstudieren. Manche sagen, die Schubert-Sonaten seien nicht pianistisch, weil Schubert kein Klavier-Virtuose war wie Beethoven oder die späteren Romantiker. Ja, einerseits sind die frühen Sonaten fast geschrieben wie Streichquartette, es hat vier Stimmen. Andererseits wechselt Schubert aber ständig die Harmonien. Beethoven - etwa in der "Appassionata" - bleibt lange auf einem Akkord und um-spielt diesen mit Arpeggien und Passa-gen, die virtuose Klaviermusik ist so gebaut. Bei Schubert gibt es das nicht, er bringt Melodien und ständige Harmonie-wechsel, das macht die Musik an sich inte-ressant und voll wechselnder Stim-mungen und Emotionen. Es ist nicht "Klaviermusik" sondern einfach Musik, die er fürs Klavier schreibt. Dazu kommt aber der Klavierklang. Schu-bert hat doch seinen ganz eigenen Klang. Alle grosse Komponisten haben ihren eigenen Klavierklang, Schumann, Cho- |
pin, Liszt klingen jeweils ganz an-ders, auch wenn sie von verschiedenen Pianisten gespielt werden. Andere sagen, Schubert könne keine grossen Formen schreiben, seine Stärke sei das kleine Klavierstück und das Lied. Auch das stimmt nicht. Er hat eine eige-ne Technik der grossen Form entwickelt. Man sieht das oft in den Fragmenten, in Sonaten die er angefangen aber nicht vollendet hat, da hat er eine Idee, aber er kann sie nicht entwickeln, es gelingt ihm erst in einem nächsten Werk. So kommt er allmählich zu seiner eigenen Form. Die dann nicht den Formen seines gros-sen Zeitgenossen Beethoven entspre-chen müssen. Er probiert Verschiedenes aus. Seine frühen Sonaten erinnern viel mehr an Haydn als an Mozart, später kopiert er fast wörtlich genau Beethoven, etwa in der e-moll-Sonate, die er aber nicht fer-tig schreibt. Manchmal imitiert er die Brillanz von Weber, und dann klingt es schon beinahe wie Bruckner, in grossen Blöcken, in Gegensätzen, die aber doch untereinander verbunden sind. Schimmert in diesem Sonatenwerk auch Biografisches durch, etwa dass die ins-gesamt 21 Sonaten eine Art Tagebuch darstellen? Nicht eigentlich, ausser dass man die musi-kalische Entwicklung und das stete Suchen Schuberts herauslesen kann. Die "Gasteiner" ist die einzige, die vielleicht an ein konkretes Erlebnis erinnert. Er probiert ja ständig und tastet sich an seine eigene Sprache heran. Und es gibt natürlich den Bruch um 1822, wo er er-kennt, dass er für den Rest des Lebens krank ist und vielleicht nicht mehr lang zu leben hat. Da schreibt er ja, ich glau-be an Kuppelwieser, "ich bin der elen-deste Mensch auf der Erde", und dieses Gefühl schlägt sich von nun an in all seiner Musik nieder. . Es ist die Zeit, in der ihm mit der "Un-vollendeten" eine neue Sprache gelingt.
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Ja, eine Sprache die auf Bruckner hin-weist, wer weiss wie das Finale ausgese-hen hätte wenn er es hätte schreiben kön-nen. Es ist auch das Gefühl, das bei ihm ab jetzt vor-herrschte: "wenn ich von Liebe singe fühle ich Schmerz und wenn ich Schmerz fühle denke ich an Liebe" oder so ähnlich. Wie gehen Sie den Zyklus an, arbeiten Sie sich von Tag zu Tag durch? Ich habe die grossen Sonaten natürlich schon seit langem studiert, und jetzt muss ich von Tag zu Tag, von Konzert zu Kon-zert mich auf das gerade bevorstehende konzentrieren. Sie haben die Werke nicht chronologisch geordnet. Nach welchen Kriterien haben Sie sie zusammengestellt? Chronologisch ergibt keinen Sinn, aber es gibt grössere und kleinere Werke und nach den Tonarten kann man auch eine Zusammenstellung machen, auch frühe mit späten Werken konfrontieren. An den An-fang habe ich die "Wanderer"-Fantasie gestellt, ein virtuoses Werk und danach die "Fantasie"-Sonate G-Dur mit ihrem lieblichen Charakter. Und ich habe mich auch entschlossen, die Fragmente - bei der fis-moll-Sonate zum Beispiel - so zu spielen wie sie Schubert hinterlassen hat, also nicht mit den Ergänzungen, die manche Verleger machen liessen. Es gehört zu Schubert, dass er oft vieles angefangen hat um es dann liegen zu lassen, weil eine an-dere Aufgabe oder eine andere Idee war-tete. Er hat ja soviel komponiert in seinem kurzen Leben. In den drei grossen letzten Sonaten ist ihm dies ja gelungen, seine eigene Sprache in sehr weiten und gross angelegten Formen zu finden. Das sind sozusagen seine Vermächtnisse, da ist er ganz sich selbst und ganz anders als seine Zeitgenossen. Frau Leonskaya, ich danke Ihnen für das Gespräch.
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Fotoalbum 2010
Verbier Festival&Academy 2009
3. August 2009 Höhepunkte in Höhenluft
25. Juli 2009 Von Gipfeln und Abgründen
19. Juli 2009 Alpensinfonie von Schnee und Regen begleitet
Fotoalbum
3. August 2009. Das Schlusskonzert des Verbier Festival Orchestra mit Kurt Masur am Pult war ein würdiger
Abschluss eines an Höhepunkten reichen Festivals auf 1500 Meter über Meer in den Walliser Alpen.
Daniel Andres
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Für die regelmässigen Festival- und Kon-zertbesucher wie auch für das Orchester, die Solisten, die Academy-Studenten und ihre Professoren war es fast ein wenig ein wehmütiger Abschied. Das Besondere des Festivals ist ja, dass man ausser hoch-stehenden Darbietungen auch Freunde antrifft, solche aus den Vorjahren und solche die man neu kennen gelernt hat. Im Festivaldorf trifft man sich im Café, beim Essen, in den Konzertpausen, nach dem Konzert, tauscht Meinungen und Urteile aus, lernt andere Auffassungen kennen. Die zweite Festivalwoche war von etlichen Höhepunkten geprägt. Dazu gehören die Sinfoniekonzerte mit Kurt Masur, der auch einen Dirigierkurs leitete, wobei die vier Studenten, welche in je einem Satz aus der „Italienischen“ Sinfonie von Mendelssohn und in der zweiten Sinfonie von Schumann vor dem Orchester standen, einen guten, wenn auch noch nicht immer ganz professio-nellen Eindruck hinterliessen. Sie hatten zwar die Partitur im Kopf und nicht den Kopf in der Partitur, und das Orchester ging bereitwillig und sogar engagiert mit, aber wenn man sich die Kandidaten vor einem vielleicht auch etwas skeptischeren Berufsorchester vorstellt, braucht es wohl vor allem noch eine andere Haltung zu den Musikern. Etwas was aber beinahe nur die Erfahrung bringen kann, die gleich-berechtigte Partnerschaft zwischen Orchester und Dirigent.
Hingabe und Freiheiten
Die zeigte allerdings in zwei sinfonischen Dichtungen von Liszt (Les Préludes) und Richard Strauss (Till Eulenspiegel) der alte Meister ohne Taktstock Kurt Masur. Mit den jungen Musikern des Festival-Orchesters verband ihn eine natürliche Autorität und eine väterliche Strenge voller Verständnis. So war im „Till Eulenspiegel“ nicht alles ganz präzis zusammen, weil Masur nicht militärische |
Disziplin einforderte, sondern Engagement, Hingabe, Aufmerksamkeit, Zuhören, und dabei die Zügel nicht einfach straff in den Händen hielt, sondern auch Freiheiten gewährte. Das Resultat war eine ausgesprochen musikantische Interpretation, die auch klanglich auf sehr hohem Niveau stand.
Anregender Gabor Takacs
Auch das Kammerorchester des Festivals unter Gabor Takacs-Nagy war eine Ohren-weide. Hier herrschte noch fast etwas mehr Perfektion, aber nicht weil Takacs auf Zucht und Ordnung hielt, sondern weil unter einem ausserordentlich anregenden Di-rigenten junge Spitzenmusiker agieren, die einzeln und im Kollektiv das Beste geben. Eine wunder-schön locker musizierte Konzertante Sinfonie von Haydn, hinreis-sende „Jahreszeiten“ von Piazzolla mit Julian Rachlin als Solist und Leader und eine erste Beethoven-Sinfonie voller Elan. Da kommen die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis ganz na-türlich in die Aufführung mit modernen Instrumenten hinüber, mit starken Ak-zenten, einer lebendigen Agogik und Artikulation, frischen Tempi und einer Ausdrucksgestaltung, die dem Werk entspricht und nicht subjektiv vom In-terpreten der Musik aufgezwungen wird.
Beglückendes Quartett
Herrliche und begeisternde, dabei ebenfalls der Perfektion nahe kommende Wieder-gaben auch durch das Ebène-Quartett, vier junge Franzosen, die Quartette von Ravel, Fauré und Debussy in ihrer jeweiligen Eigenart wiedergeben, voller Raffinesse aber insbesondere beim Quartett des alten Fauré auch voller Vergeistigung. Ähnlich am Tag darauf im Quintett von Schubert, wo zusammen mit dem Cellisten Gautier Capu-çon sowohl die Melancholie und Trauer in den ersten Sätzen, wie auch der Versuch, zur Lebensfreude zurück zu finden im Scherzo und |
im fast volkstümlichen Finale zu einer höheren Einheit fanden. Glückliche Momente, auch in den umwerfenden Zugaben.. Gautier Capuçon legte seine ganze so unverdorbene Hingabe in die Cellosonaten von Schostakowitsch und Prokofieff, unterstützt vom hervorragenden Jean-Yves Thibaudet am Klavier. Etwas weniger überzeugend die hoch gelobte Yuja Wang in einem Rezital mit Scarlatti, Brahms (Paganini-Variationen), Chopin zweiter Sonate und Strawinskys Petruschka-Suite. Vor-behaltlos zustimmend konnte man nur bei Strawinsky sein, bei den andern Kompo-sitionen hatte man den Eindruck, dass die zwanzigjährige Pianistin mit vollem Kon-zertkalender für die nächsten Monate zwar über absolute technische Leichtigkeit verfügt, aber sich mit Stil und Gehalt der einzelnen Komponisten oder Epochen noch ernsthaft auseinandersetzen muss. Sehr brillant und locker am Vorabend das erste Klavierkonzert von Mendelssohn, aber mit dem Rezital gleich am folgenden Morgen hat sie sich vielleicht auch etwas viel zugemutet. Auch Thibaudet spielte Mendelssohn, das wenig gespielte Konzert für Violine, Klavier und Streicher, mit Joshua Bell als zweitem Solisten und dem Festival-Kammerorchester. Erfrischend bei gewagten Tempi, die sogar den doch so virtuosen Solisten einige Patzer bescherten. Aber es war ein auf Risiko und ohne Rücksicht auf Verluste angelegtes vergnügliches Spiel.
Reifer Preisträger
Von der Academy bleibt der Franzose David Kadouch als Sieger. Er hat vor zwei Jahren bereits den Preis der Tabor Foundation für Pianisten gewonnen und jetzt die „Gesamt-wertung“ was dem ausserordentlich viel versprechenden und sich bereits auf einer guten Bahn be-findenden und auch musikalisch schon reifen Pianisten ein Rezital am Festival 2010 beschert. Eine Laufbahn, die man verfolgen muss.
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26. Juli 2009. Von Verbier aus sieht man nicht bloss die höchsten Zinnen und Zacken des Montblanc-Massifs,
es werden auch musikalisch Gipfel erklommen.
Daniel Andres
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Sonntag in Verbier: Morgens Fahrt auf den MontFort mit unüberbietbarer Klarsicht. Dafür ein Konzert in der Kirche auslassen. Später eine vierstündige Wanderung der Bisse du Levron entlang von der Alp La Chaux bis zur Alp Les Planards wo zufällig Kämpfe von Eringerkühen stattfinden. Hinunter ins Dorf und schnell im Kino einen Pianisten der Akademie anhören bevor es ins abendliche Konzert geht. Evgeny Kissin spielt das zweite Klavierkonzert von Chopin mit einer Delikatesse, die jeden Ton, auch in schnellen Verzierungen, auf der Zunge zergehen lässt. Anchlagskunst vom Allerallerfeinsten. Vielleicht gar etwas geniesserisch, aber unwiderstehlich schön.
Hymne an die Liebe
Dann erklimmt Charles Dutoit mit dem Festivalorchester nach der Alpensinfonie von Strauss im Eröffnungskonzert den zweiten Gipfel mit der Turangalila-Sinfonie von Olivier Messiaën, einem elfsätzigen Werk für Riesenbesetzung, zugleich eines der Schlüsselwerke des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine orgiastische Hymne an die Liebe. Dutoit pflegte in den Proben die Details: Intonation der Streicher, Genauig-keit des Schlagzeugs im Zusammenspiel mit Klavier und Celesta, präzise Attacke des Blechs ohne muskulös zu werden. Das zahlte sich in der Aufführung aus. Akkurat in den komplizierten Rhythmen und in der Balance der raffinierten Klangmischungen, sinnlich in den Klangorgien wie in den fast
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kitschig schönen Gefilden etwa des „Jar-din du Sommeil de l’Amour“. Eine Auf-führung, welche zu Recht Begeisterung auslöste, mit Jean-Yves Thibaudet für den höchst anspruchsvollen Klavierpart und Valérie Hartmann-Claverie an den Ondes Martenot, einem Instrument das immer wieder Neugier und Staunen weckt. Hochburg des Espressivo Andere Gipfel waren die Auftritte von Martha Argerich. Gut gelaunt und doch auch höchst empfindsam im zweiten Klavierkonzert von Beethoven mit dem Festival-Kammerorchester unter dem fabulösen Gabor Takacs-Nagy, Partner mit denen sie sich ganz offensichtlich äusserst wohl fühlte. Auch das Klavierquintett Es-Dur von Robert Schumann mit den Freunden Mischa Maisky und Yuri Bashmet, Cello und Bratsche, dazu Sascha Maisky an der zweiten und Janine Jansen an der ersten Geige, ergab ein Ensemble und eine Interpretation von äusserster Intensität. Auch die zehnte Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch, dirigiert vom Chef der St.Petersburger Philharmonie Yuri Termikanov war ein Gipfel. Termikanov versteht es, das Orchester mit wenig gestischem Aufwand zu höchster In-tensität und Präzision anzuspornen und gleichzeitig grosse Bögen zu spannen. Eine ideale Mischung aus musikalischer Intelligenz und starker Emotionalität. Verbier ist die Hochburg des Espressivo. Symptomatisch wie der Bratschist Yuri |
Bashmet von den Streichern des Kam-merorchesters fordert, mit dem Vibrato schon zu beginnen bevor sie den Bogen ansetzen. Andere Ansätze, wie die his-torische Aufführungspraxis oder eine eher analytische Interpretation finden hier wenig Humus. Interpreten dieser Richtung werden entweder nicht eingeladen oder haben wenig Interesse, nach Verbier zu reisen.
Höhen und Tiefen
Dafür waren die Auftritte des ehemaligen Wunderknaben Lang Lang, einem Vertreter des masslos Exaltierten, ziemlich verun-glückt. Sowohl im Klavierkonzert b-moll wie im Klaviertrio a-moll von Tschaikowski fiel er durch exzessive Tempi, aber auch durch brutales Forte neben gehauchter Sensibilität auf. Eine Kritikerin, befreundet mit den russischen Stars sagte zu mir: “Er gibt zu viele Konzerte und übt zu wenig, er liest nicht und entwickelt sich nicht weiter und nimmt keine Ratschläge an.“ Zu den massvoll Espressiven und Ge-zügelten alter Schule gehören die Pianisten Stephen Kovacevich (im Klavierquintett f-moll von Brahms) und Emanuel Ax, der Thomas Quasthoff in der überfüllten Kirche in der „Schönen Müllerin“ von Schubert „begleitete“ (begleiten im Sinne von innerem Mitgehen). Der Abend mit diesen grossen Künstlern gehört zum Nachhaltigsten dieses heurigen Festivals. Auch ein Gipfel, aber nicht an äusserlich messbarer Höhe, sondern an innerer Tiefe, mit Schlünden und Abgründen.
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Alpensinfonie von Schnee und Regen begleitet
19. Juli 2009 Bei fast frostiger Kälte und schneebedeckten Hängen oberhalb Verbier gab Festivaldirektor Martin T:son Engström vergangenen Freitag zum siebzehnten Mal die Konzertbühne frei für Charles Dutoit und das Festival-Orchester mit dem Solisten Vadim Repin.
Daniel Andres
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Engström verheimlichte nicht, dass Finanz- und Wirtschaftskrise den Festivalverant-wortlichen etliche Sorgen bereitet haben. Aber die bisherigen Hauptsponsoren hiel-ten zum Anlass und die privaten Spender und Gönner öffneten ihre Brieftaschen mehr statt weniger. Charles Dutoit, nach James Levine neuer künstlerischer Leiter des Festival-Orches-ters, dirigierte das Eröffnungskonzert. Vadim Repin spielte das Violinkonzert in D-Dur von Johannes Brahms in seiner vitalen aber gezügelten Art und wurde vom Or-chester aus jungen Musikern aus über dreissig Ländern hervorragend und auf-merksam unterstützt. Die Qualität des Orchesters bestätigte sich in der monu- mentalen Alpensinfonie von Richard Strauss, in welcher Holzbläsersolistinnen und –solisten aufhorchen liessen, ein gross besetztes Blech präzis und fast im-mer intonationsrein zum Einsatz kam, das Schlagzeug von den Kuhglocken bis zu der Windmaschine und dem Donnerblech voll beschäftigt war und die gross be-setzten Streicher einen schönen Klang lieferten. Charles Dutoit führte sowohl genau und fordernd wie er auch den jungen Musikern gelegentlich freien Auslauf gewährte. Als Eröffnung war das Konzert jedenfalls ein Genuss und viel versprechend für die kommenden Festi-valtage.
Stilistisch unverkrampft
Bereits am Wochenende war auch die Zeit der jungen und mittleren Pianistengarde gekommen. Zusammen mit dem jungen |
Geiger Valerij Sokolov hörte man den Pia-nisten David Fray in Sonaten von Bach und Beethoven. Fray ist einer der noch jungen Pianisten, die Bach wieder mit ele-gantem Anschlag und beinahe etwas ver-zärtelt aber dennoch lebendig artikuliert und sehr differenziert und stilistisch absolut unverkrampft spielen. Sokolov gefiel vor allem in den Sonaten von Beethoven durch ein stilsicheres und unprätentiöses Spiel und einen betörenden aber nie exaltierten Klang. Gleich zwei Stunden später bereits der andere Franzose Jean-Frédéric Neuburger in einem Solo-Rezital. Er begann mit einem kernigeren Bachstil, allerdings in der Be-arbeitung der berühmten Violin-Chaconne durch Brahms für die linke Hand. Dann die zweite Brahms-Klaviersonate in fis-moll und nach der Pause zwei französische Bro-cken, „La Valse“ von Maurice Ravel und die Sonate von Henri Dutilleux, die Gele-genheit zu ausserordentlicher Virtuosität aber auch zu einem reichhaltigen Farben-spiel gaben. Am Sonntagmorgen war es Nelson Görner, der in einem Rezital auftrat, der dieses Jahr aber auch länger in Verbier weilt und in verschiedenen Kammermusik-formationen zu hören sein wird, und abends der Grossmeister und Verbier-Dau-ergast Evgeny Kissin in Werken von Pro-kofieff und Chopin.
Don Giovanni mit Stars
In Verbier treffen sich bekanntlich die grossen Stars, ausser Evgeny Kissin und der unübertrefflichen Martha Argerich die
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ganze Familie von Mischa Maisky, die Brüder Renaud und Gautier Capuçon und eine ganze Reihe weiterer berühmter Na-men. Eine konzertante Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ vereinigt unter Manfred Honeck einige der grössten Ge-sangssolisten auf der Bühne wie René Pa-pe, Bryn Terfel oder Thomas Quasthoff, und indem einige wie die Gruberova (nicht ganz unerwartet) kurzfristig absagten, ge-lang es Engström über Nacht, mit Anna Samuil für Donna Anna und Annette Dasch für Donna Elvira ebenbürtigen Er-satz trotz Tour de France-Rummel per Heli einfliegen zu lassen.
Talentschmiede
Auch für die „Nacht der Pianisten“ an denen zehn der weltbesten Klavierspieler wetteifern, worunter natürlich Lang Lang und Jean-Yves Thibaudet, gab es Ab-sagen, etwa von Hélène Grimaud, wofür Kirill Gerstein und der blutjunge „Vitus“-Darsteller Theo Gheorgiu einspringen. Neben den Stars sind in Verbier immer Entdeckungen zu machen, nicht nur im Konzertsaal und der Kirche, wo junge auf-strebende Talente zum ersten Mal oder be-reits wiederkehrend auftreten, sondern auch in den Akademieklassen, bei denen nur ausgewählte Hochbegabte zugelassen und oft künftige Stars zu entdecken sind. Dies Jahr findet auch ein Dirigierkurs mit Kurt Masur statt und in zwei Sinfonie-konzerten werden die Teilnehmer dieser Klasse in Sinfonien von Mendelssohn und Schumann den Stab ergreifen.
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Verbier Festival & Academy 2008
Zukunft gesichert
23.Juli 2008 Das Verbier-Festival ist seit vergangenen Freitag in vollem Gange. Und die Zukunft des Festival-Orchesters ist ebenfalls gesichert.
Daniel Andres
Manfred
Honeck, Generalprobe mit dem Verbier Festival Orchestra in Beethovens 6.
Sinfonie. (Foto Daniel Andres)
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Aus dem UBS Verbier Festival Orchestra, das seit dem Jahr 2000 besteht, wird ab 2009 das Verbier Festival Orchestra. Die UBS hat bereits letztes Jahr angekündigt, aus dem Sponsoring für das aus jungen Musikern aus aller Welt zusammengesetz-ten Orchester auszusteigen. Nun ist defi-nitiv, dass die Gemeinde Bagnes und der Kanton Wallis in die Bresche springen werden. Dadurch ist die Zukunft für diese Orchesterakademie, an der in neun Jahren 627 Musiker zwischen 16 und 29 Jahren aus insgesamt 58 Ländern teilgenommen haben für die nächsten Jahre gesichert. Einzig die Tourneen im Herbst, die dieses Jahr zum letzten Mal vier europäische Städ-te besuchen, werden aus Kostengründen wenigstens vorläufig eingestellt. James Le-vine, dieses Jahr nicht in Verbier anwe-send, wird Conductor Laureate bleiben und die jungen Orchestermusiker werden wie bisher vier Wochen vor dem Festival von Mitgliedern des Orchesters der Metropo-litan Opera Orchestra New York gecoacht.
Musikwerkstatt
Das Orchester eröffnete das Festival am Freitag unter der Leitung von Paavo Järvi mit "Don Juan" von Richard Strauss und einer fulguranten Wiedergabe der Orches-terfassung des ersten Klavierquartetts von Johannes Brahms in einer interessanten Orchestrierung von Arnold Schönberg. Radu Lupu spielte dazwischen eher blass das Klavierkonzert c-moll KV 491 von Mozart.
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Verbier ist in den letzten Tagen zur grossen Musikwerkstatt geworden, und es ist für einen Besucher völlig unmöglich, alle, teil-weise gleichzeitig stattfindenden Anlässe zu berücksichtigen. Die Auswahl ist zeit-weilig auch schwierig. So musste man sich am Dienstag zwischen einem Auftritt der grossen Dame Martha Argerich im Zelt und einem Rezital des Violinisten Renaud Capuçon entscheiden, der mit Nicolas An-gelich am Flügel in der Kirche die drei Vio-linsonaten von Johannes Brahms spielte. Dabei gab es auch schon Vergleiche, denn eine der Brahms-Sonaten hatte am Vor-abend schon der italienische Altmeister Salvatore Accardo in einem hinreissenden Rezital vorgetragen. Von der Kirche ging's ins Chalet Orny, wo am Montag der junge David Greilsammer seine eigenwillige Version aller Klavierso-naten von Mozart vorstellte (sechs Abende), die allerdings bei etlichen Hörern auf Skepsis stößt. Eindrückliche Visitenkarte Am Dienstag konnte hingegen Aleksandar Madžar mit den einstündigen Diabelli-Va-riationen opus 120 von Beethoven über-zeugen und am nächsten Vormittag ging der Marathon gleich weiter mit der gi-gantischen "Hammerklavier-Sonate" opus 106 von Beethoven. Es war der blutjunge Franzose Jean-Frédéric Neuburger, der hier eine eindrückliche Visitenkarte im Span-nungsfeld zwischen Heftigkeit und Versen-kung ablieferte.
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Es ist heuer das fünfzehnte Festival, und zu diesem Jubiläum hat Martin T. Engström nicht bloss die treuen Stars wie Martha Ar-gerich, Mischa Maisky, Lynn Harell, Ma-xim Vengerov, Joshua Bell und wie sie alle heissen, eingeladen. Eine ganze Zahl Jung-stars haben in der Verbier-Academy ihren Schliff erhalten und gehören heute wie die Brüder Renaud und Gautier Capuçon be-reits zu den Etablierten oder kommen die-ses Jahr als vollwertige Künstler zurück an den Ort ihrer Ursprünge. Zurück zum Ursprung Neben den Pianisten Jean-Frédéric Neuburger oder Jonathan Gilad gehören dazu der Geiger Kiryll Troussov und seine Schwester, die Pianistin Alexandra Trous-sova, die zusammen ein viel beklatschtes Rezital gaben, worin sie zusammen und der Geiger allein in einer der Solo-Sonaten von Eugène Isaÿe brillierten. Auch das Wun-derkind Conrad Tao, jetzt vierzehn Jahre alt, besuchte die Akademie in Verbier und erhält dieses Jahr ein eigenes Rezital, worin er unter anderem eine eigene Klaviersonate zur Uraufführung bringen wird.Wer ausser den Konzerten der Stars und der Jungstars auch noch die aufsteigenden Sterne beobachten will, kann jeden Tag in die Kurse der Pianisten, Geiger, Cellisten, Sänger und der Streichquartette sitzen und hautnah die Arbeit erfahrener Musiker wie Menahem Pressler, Bruno Giuranna oder Gabor Takacs-Nagy mit dem hochbegabten Nachwuchs verfolgen. |
Nachwuchs in den Startlöchern
4. August 2008. Das Verbier-Festival, das am Sonntag zu Ende ging, ist auch ein Klavierfestival. Neben bekannten Grössen trat eine Phalanx von zum Teil ganz jungen Pianisten auf.
Daniel Andres
Radu Lupu, Martha Argerich, Nicholas
Angelich, Stephen Kovacevich, Menahem Pressler oder Alfred Brendel sind nicht
bloss bekannte Namen, sondern teilweise schon Legende. Brendel gab in Verbier
sein Abschiedsrezital, mit dem er zur Zeit durch die Welt reist. Natürlich vor
restlos ausverkaufter Kirche und einem begeister-ten Publikum, das er nach einer
meisterlich gespielten B-Dur-Sonate von Schubert mit vier Zugaben beglückte.
Menahem Pressler trat als Pädagoge an den
Masterclasses an, aber auch in Kam-mermusikformationen. Einer seiner Auf-tritte
mit Salvatore Accardo als Altmeister der Violine und zwei Jungspunds, dem
Bratschisten Antoine Tamestit und dem Cellisten Gautier Capuçon im
Klavier-quartett von Robert Schumann hinterliess einen nachhaltigen Eindruck.
Und das bei Publikum und den Ausführenden, die sich zum ersten Mal musikalisch
begegneten. Hélène Grimaud gehört auch zu den Pub-likumslieblingen, welche
im Schlusskon-zert mit dem Konzert in G-Dur von Maurice Ravel einen ihrer
Trümpfe ausspielte.
Und Fazil Say ist häufiger Gast an den
Festivals dieser Welt, wobei seine Ex-zentrik dank seiner (nicht ganz
unfehl-baren) Virtuosität und einer unverkennba-ren Musikalität eher zu ertragen
ist, als die-jenige des jüngeren Kollegen David Greil-sammer, welcher (böse
gesagt) die Miss-handlung sämtlicher Klaviersonaten Mo-zarts wohl eher zu
Marketingzwecken be-nutzt, nach dem Motto: wer umstritten ist, schafft sich
einen Namen.
Selbstkritischer Künstler Piotr Anderszewski und Nikolai
Lugansky gehören nicht zu den ganz Jungen, beide traten in Rezitals und in
Kammermusik-
formationen auf. Luganskys Rezital mussten
wir
wegen der Fülle des Angebots auslassen, das Rezital von
Anderszewski hingegen war ei-ner der delikatesten Genüsse mit einem Pro-gramm
aus Bach, Mozart und Schumann. Der selbstkritische Künstler wiederholte die
zweite Partita von Bach am Schluss des Konzerts, mit der Bemerkung, er habe sie
zu Beginn so sau-schlecht gespielt.
Auffallend war die Anzahl junger und jüngster
Pianisten, welche manchmal das Publikum verblüfften und manchmal auch
begeisterten. Nicht alle konnten wir
an-hören. Jonathan Gilad spielte ein Rezital, auf das wir verzichten mussten. Er
hatte in Verbier vor Jahren die Academy besucht und gehört zu den Erfolgreichen,
die Festivaldirektor Martin T. Engström jetzt wieder eingeladen hat. Der Pole
Rafal Blechacz war vor zwei Jahren in einem Chopin-Rezital für Lang Lang
eingesprun-gen und spielte heuer wieder ein Programm worin er erneut mit Chopin
voll überzeugte, auch mit Bach (Italienisches Konzert), aber etwas weniger mit
Liszt (Etüden) und Debussy (Estampes). Yuia Wang, zwan-zigjährig und aus China,
woher schon Lang Lang und Yundi Li auf ihre Art für Furore sorgten, ist
ebenfalls eine hervorragende Technikerin, die grauenhaft schwierige Etü-den von
György Ligeti spielerisch hinlegte, aber etwa in Liszts h-moll-Sonate etwas Mühe
mit der Gesamtschau zeigte.
Kaum glaubhafte Reife Zwei ganz junge Klavierspieler
sorgten für Aufsehen. Kit Armstrong ist siebzehnjährig, sieht aber noch jünger
aus und spielte Kammermusik von Beethoven und Haydn und dazu mit dem Cellisten
Adrian Brendel eine erstaunlich reife Eigenkomposition, etwas im Fahrwasser der
Boulez-Schule, aber mit Witz. Conrad Tao ist erst Dreizehn, verblüfft aber mit
einer ungeheuren Technik und dazu mit erstaunlicher Kraft und einer kaum
glaubhaften
Reife. Er riss das Publikum mit sagenhaft ver-trackten Etüden von John
Corigliano vom Sitz, aber auch mit einer reifen "Waldstein“-Sonate von Beethoven
und Stücken von Chopin und Liszt und auch er spielte einer eigene
"Fantasy-Sonata“, die zwar stilistisch in einigen Gefilden schwärmt aber doch
von beachtlichem kompositorischem Handwerk und auch Erfindungsgabe zeugt. Und
man merkt seinem Auftreten an, dass er nicht nur in Musik ein Hochbegabter ist. Starke Persönlichkeit Auch
bei den Violinistinnen gab es junge aufstrebende Talente zu entdecken. Die
neunzehnjährige Amerikanerin Rachel Lee spielte ein beachtetes Rezital in der
Kirche. Die 22-jährige Japanerin Mayuko Kamio, Preisträgerin des
Tschaikowsky-Wettbe-werbs Moskau von 2007, wies sich durch überlegene Technik
aber etwas wenig Poesie aus. Eine starke Persönlichkeit ist hingegen die
Geigerin Leila Josefowicz, die sich nicht scheute mit Schostakowitsch,
Strawinsky und dem finnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür Akzente zu setzen und
dabei beim Publikum verdien-termassen bravourös ankam. Das
Festivalorchester begeisterte in der zweiten Woche mit Konzerten unter Rafael
Frühbeck de Burgos (Albeniz, Ravel, Rimsky-Korsakoff), dann unter Gianandrea
Noseda mit dem am Vorabend in einem Liederrezital grossartigen, hier etwas zu
zurückhaltenden Matthias Goerne in den "Kindertotenliedern“ von Gustav Mahler
und "Also sprach Zara-thustra“ von Richard Strauss und abschlies-send unter
Valery Gergiev in einer nichts sa-genden Uraufführung von Rodion Shchedrin und
der hervorragend aufgebauten und doch hoch expressiv und leidenschaftlich
inter-pretierten "Fünften" von Gustav Mahler.
Der
junge Pianist Jean-Frédéric Neuburger aus Frankreich in Beethovens
"Hammerklavier"-Sonate opus 106. (Foto Daniel Andres)
Fotogalerie Verbier 2008
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Letzte Aktualisierung:
04. August 2011 .